Sonntag, April 06, 2014

Nick Bantock: Du bist ein Künstler


Zwei Sätze lassen mich aufhorchen, fassen sie doch die Intention dieses Buches ideal zusammen und machen neugierig: "Meiner Meinung nach gibt es zwei Haupthindernisse für die künstlerische Antriebskraft, die überwunden werden müssen: die Angst, technisch nicht perfekt zu sein, und die Blockaden, die das kreative Potenzial bremsen. Obwohl dieses Buch den ersten Aspekt ernst nimmt, liegt der Fokus auf dem zweiten Hindernis", heißt es im Vorwort, das mit "Eine Warnung" überschrieben ist.

Hoher Leistungsdruck (auch gegen sich selbst), eine zu klare Definition der Ziele und das Genredenken des Marktes führen nicht selten da, das Menschen ihren künstlerischen Impuls aufgeben und, wenn überhaupt noch, Massenware ohne Seele produzieren. Nick Bantock legt hier ein "Spielebuch" vor. Er präsentiert eine Reihe von Übungen, keine davon am Computer zu lösen. Somit keine Chance auf eine vorschnelle Zensur mittels Delete-Taste oder Strg+Z-Funktion. Er will den kreativen Impuls neu wecken und so Blockaden lösen.

Das Konzept des Künstlers betrachtet Nick Bantock ganzheitlich. Die allermeisten Übungen, die er vorschlägt, stammen jedoch aus dem Bereich der Bildenden Kunst. Ohne sich als Künstler betrachten zu müssen, sollte der geneigte Leser zumindest eine gewisse Affinität zu Collagen mitbringen. Dies ist Bantocks Metier. Der Vorteil ist offensichtlich: Es braucht keine Vorerfahrungen mit Zeichnungen, mit Perspektive oder Stil, sondern funktioniert im besten Fall aus dem Bauch heraus. Als Beispiel, ebenso wie als Illustration, finden zahlreiche Bilder des Autoren ihren Platz in diesem Buch. So wird schnell klar: Es geht nicht um eine detailgetreue Abbildung der Wirklichkeit, sondern um das Bersten der Innenwelt und den Mut, dieser zum Leben zu verhelfen.

Allerdings setzt die Arbeit mit dem Buch voraus, dass der Leser bereit ist, sich ein kleines Atelier einzurichten. Denn der Pool an Hilfsmitteln wächst von Aufgabe zu Aufgabe: Reichen für die erste Übung noch Papier und Druckbleistift, kommen schon bald alte Briefmarken (mit denen arbeitet Nick Bantock ständig), Matte Medium, Acrylfarben, diverse Pinsel, Gaze, Zeichenkohle und anderes hinzu.

Allerdings gibt es auch eine Reihe von Übungen, die sich um die verbalen Ausdrucksfähigkeiten bemühen und daher für Autoren interessant sind. Hier reicht der Pool von Aufgaben zurück bis hin zu jenen Spielen, mit denen sich im Paris der 20er Jahre die Surrealisten ihre Zeit vertrieben. Daneben gibt es die klassischen Anregungen, um die eigene Fantasie in Gang zu bringen, in kleinen Schritten, um gar nicht erst das Gefühl der Überforderung aufkommen zu lassen: einem Satz einen zweiten folgen lassen. Dann einen dritten.

Nick Bantocks Übungen legen bald offen, mit welchen Mitteln er den künstlerischen Blockaden zu Lebe rücken will: Neben diversen Lockerungsübungen und Spielen will er Raum schaffen, beide Gehirnhälften gleichermaßen einzubeziehen. Der emotionale Zugang zur Kunst ist ihm ebenso wichtig wie der rationale. Erst wenn beide Gehirnhäften zusammenarbeiten, kann ein ganzheitliches, neues Werk entstehen. So zwingt er den (werdenden) Künstler, sich auf den Zufall einzulassen und diesen in die Arbeit bewusst einzubeziehen. Und er regt an, nicht nach dem idealen Ansatz zu suchen, sondern mit dem Vorhandenen weiterzuarbeiten, egal, wie missglückt es auf den ersten Blick auch zu sein scheint. So will er die Leichtigkeit zurück in die Kunst bringen, ihr das Spielerische zurückgeben, das ihre ursprüngliche Faszination ausmachte.

Als Wegbegleiter dient Bantock die Kunstfigur des Tricksters, ein Archetyp, der schon seit einigen Jahren durch die Creative Writing Scene geistert, aber immer noch zuverlässig ihren Dienst tut. Der Trickster ist ein Kobold, ein Gestaltwandler, der gern die ausgetretenen Pfade verlässt und häufig einmal mit dem Ego des Lesers spielt. Nicht zögert, dem Leser ein Bein zu stellen, wenn sich dessen Ego einmal zu sehr aufplustert, wie Bantock sagt. Letztlich ist dieser Trickster eine Metapher für jene Volten, die das Unterbewusstsein zuweilen schlägt. Wer sich auf Nick Bantocks Buch und seine Übungen einlässt, wird unweigerlich Kontakt mit diesen Bewusstseinsschichten aufnehmen. Für jede Kunst, die nicht nur an der Oberfläche kratzt, ist dies existenziell.

Allerdings nimmt Bantock auch kein Blatt vor den Mund, wenn er vom Markt und dessen Mechanismen redet. Jene kreativen Ausdrücke, zu denen er anregen möchte, sind nicht unbedingt markttauglich, nicht auf ein Genre, einen Stil zugeschnitten. Solche Genre-Schubladen stören die Kreativität, statt sie zu fördern. Und dementsprechend ist das Ergebnis dessen, was Bantock anstrebt, keine leicht verkäufliche Ware. Andererseits: Elf seiner früheren Bücher haben es auf die amerikanischen Bestsellerlisten geschafft, "Griffin und Sabine" hielt sich gar zwei Jahre lang auf der NYT-Bestsellerliste. Es kann also nicht ganz verkehrt sein, sich mit ihm auf die Reise zu machen.

Titel Du bist ein Künstler : Eine inspirierende Reise zur Kreativität und zu sich selbst / Nick Bantock
Person(en) Bantock, Nick ; Böhm, Marita [Übers.]
Verleger Berlin : Allegria
Erscheinungstermin 11. April 2014
Umfang/Format 192 S.
Einheitssachtitel The Trickster's Hat ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-7934-2271-6 Gb. : EUR 16.99 (DE), EUR 17.50 (AT), sfr 23.90 (freier Pr.)
3-7934-2271-2
Kataloglink amazon.de/gp/product/3793422712/

Samstag, Januar 04, 2014

David Baldacci: Zero Day [Rezension]

Die Zeit war Reif für meinen ersten Baldacci-Roman. Seit 17 Jahren veröffentlicht er regelmäßig. Seine Bücher sind in 37 Sprachen übersetzt und werden in über 80 Ländern verkauft. Er erreichte bisher eine Gesamtauflage von weltweit über 40 Millionen Exemplaren. Die Storys wurden verfilmt und zu TV-Serien ausgearbeitet. Irgendetwas muss also dran sein an ihnen.

„Zero Day“, David Baldaccis neuer Roman, erschien am 18. November 2013. Die Geschichte führt mich in das ländliche West Virginia. Glaubt man dem Autor, ist die Region ein trostloses Kohle-Revier. Die Bergketten sind für den Tagebau abgesprengt, die Täler mit Schutt angefüllt. Die einst idyllischen Hügel gleichen inzwischen der Mondoberfläche. Überall in der Luft hängt der Geruch von Schwefeltrioxid und Kohlestaub. Wahrlich kein Wohlfühlsetting.

John Puller ist Kriegsveteran und der besten Militärermittler des CID. Er wird ohne Crew nach Drake/West Virginia geschickt, weil dort ein hoher Angehöriger des militärischen Geheimdiensts, der DIA, ermordet wurde. Abgeschlachtet zusammen mit Ehefrau und den zwei Kindern. Höchste Geheimhaltungsstufe. Hilfe bekommt Puller nur von der örtlichen Kriminalbeamtin, der jungen Samantha Cole. So simpel der Fall beginnt: Bald kristallisiert sich heraus, dass der Mord lediglich ein Vorbote für den größten Anschlag ist, den die Vereinigten Staaten je erleben werden. Weit grausamer als 9/11.



Im ersten Kapitel begegnen wir Howard Reed, dem Postboten des Örtchens Drake. Die einzelnen Lieferadressen seines Bezirks liegen so verstreut, dass er sie mit seinem alten Ford anfährt. Wir erfahren davon, wie er seine achtzehn Jahre alte Karre so umbaute, dass er sie vom Beifahrersitz aus lenken und so unmittelbar neben den Briefkästen halten kann. Irgendwann will er mit dem Wagen nach England, wo alle links fahren. Fast nebenbei lesen wir von seiner Frau, die ihn für diesen Traum zum Idioten erklärt, der sich früher oder später selbst umbringen wird.

Reed ist es, der am Ende des ersten Kapitels die Leichen der kompletten Familie entdeckt. Damit ist seine Funktion im Roman allerdings auch erfüllt. Er taucht noch einmal kurz in der Kneipe des Dorfes auf, um dem Ermittler John Puller ein paar Informationen zu geben. Das war‘s. Spätestens am Ende von Kapitel 4 fragte ich mich, was aus Reed wird und wie er mit dem grauslichen Fund umgeht, den er gemacht hat. Ich dachte über Textökonomie nach. Über den Prolog-Charakter dieses Romaneinstiegs. Die Absicht Baldaccis ist klar: Damit der Leser Mitgefühl für Reed entwickeln kann, braucht er Hintergrundwissen über den Mann. Aber ginge das nicht auch eleganter? Wäre es nicht sinnvoll, mit Personen und Informationen zu arbeiten, die für den Roman tatsächlich eine tragende Rolle spielen?

Dieser Beginn ist symptomatisch für eine Geschichte, die bis nahezu zum Schluss von solch irrelevanten Fakten lebt. Wir bekommen Details, die eine Zeitlang als wichtig gelten, die sich im Nachhinein aber als belanglos entpuppen. In der Krimiszene werden diese Art Infos oft „Rote Heringe“ genannt, mutwillig falsch gelegte Fährten. Das ist in Ordnung, solange ein oder zwei dieser Spuren dazu führen, dass die Lösung nicht zu früh offensichtlich wird. Treten sie zuhauf auf, fühlt der Leser sich irgendwann verschaukelt. Genau dies passiert hier.

Die Lösung, die John Puller in bester Agatha-Christie-Manier aus dem Hut zaubert, indem er den Täter mit Motiven und Beweisen konfrontiert, erklärt einen Großteil des Plots zu falschen Fährten. Zwar gibt es immer wieder innerhalb des Romans Hinweise auf mögliche Zusammenhänge, doch gehen diese im Gewirr der ausgelegten Spuren weitgehend unter. Eine der goldenen Regeln des „Whodonit“ lautet: Der Leser muss alle relevanten Informationen bekommen, um selbst auf den Täter stoßen zu können. Das ist hier nur sehr bedingt der Fall. Und David Baldacci weiß das. So präsentiert er, um den Mörder zu überführen, Gesprächsprotokolle, von deren Inhalt bis dahin nie die Rede war. Und auch für die logische Kette, mit der Puller erklärt, wie er auf jene Person kam, gibt es naheliegendere Erklärungsmodelle, die zu einem anderen Täter führen.

Das deutet darauf hin, dass dieser Roman nicht im Vorfeld durchstrukturiert wurde. Baldacchi hat eine Idee, verfolgt sie eine Weile, verliert das Interesse daran und hat am Ende Mühe, alle Fäden irgendwie in Pullers großen Schlussmonolog zusammenzuknüpfen. Das wirkt hilflos und hinterlässt einen schalen Geschmack beim Schließen des Buches.

Die Stärke des Romans „Zero Day“ liegt in der Schilderung des Settings. David Baldacci schreibt detailliert über eine Region, die durch Finanzinteressen immer weiter zerstört wird. Er zeigt die Opfer dieses Raubkapitalismus ebenso wie die Täter. Außerdem gelingt ihm ein eindrucksvolles Porträt einer Familie, die sich im Spannungsfeld zwischen diesen Extremen bewegt. Wer sich darauf einlassen kann, wird Gefallen am Roman finden. Wer einen gut gemachten Krimiplot im CSI-Stil sucht, wird von Baldaccis neuem Schmöker eher enttäuscht.

Titel Zero day : Thriller / David Baldacci. Aus dem Amerikan. von Uwe Anton
Person(en) Baldacci, David ; Anton, Uwe [Übers.]
Verleger München : Heyne
Erscheinungstermin 18.11.2013
Umfang/Format 607 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel Zero day ‹dt.›
ISBN/Einband 978-3-453-26906-4, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 9783453269064
Leseprobe randomhouse.de/Buch/Zero-Day-Thriller/David-Baldacci
Kataloglinkamazon.de/gp/product/3453269063/

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag für das Rezensions-Exemplar sowie an testleser-werden.de für die Vermittlung!
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Tags: Militärpolizei;   Kohlenabbau;   Verschwörung;   Washington;   Spezialermittler;   CID;   Komplott;   West Virginia;   John Puller
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