Samstag, September 26, 2015

Eduardo Jauregui: Gespräche mit meiner Katze [Rezension]


Sara Leon, geboren und aufgewachsen in Spanien, arbeitet als Web-Designerin an einer Kampagne für einen bedeutenden Ölkonzern, der versucht, sich einen ökologischen Anstrich zu verpassen. Ein Job, der ihr gehörig gegen den Strich geht. Sie lebt im Londoner Stadtteil Notting Hill, zusammen mit ihrem Freund Joaquín. In wenigen Monaten naht ihr vierzigster Geburtstag.

Am Tag der Kundenpräsentation vergisst sie in der U-Bahn ihren Laptop mit der alles entscheidenden PowerPoint-Datei, kommt viel zu spät zum Meeting, improvisiert am Whiteboard einen Entwurf ihrer Ideen und wird vor versammelter Mannschaft ohnmächtig. Vorsorglich lässt ihr Chef sie ins Krankenhaus bringen, wo der Arzt die Diagnose „Depression“ stellt.

Nun hat sie ein paar Tage lang Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken. Und wie so viele, die aus einem Hochdruckalltag gewaltsam in die Stille ihrer Wohnung katapultiert werden, kommt sie zu einem vernichtenden Resümee: Migräne, Schlaflosigkeit, sexuelle Inaktivität, Appetitlosigkeit, ständiger Stress und totale Erschöpfung waren lange sichtbare Zeichen dafür, dass sie am Rande ihrer Leistungsfähigkeit angekommen ist.

Und dann ist da die Sache mit der Abessinierkatze, die eines Tages vor ihrem Küchenfenster auftaucht. Wer gerade einen Zusammenbruch hinter sich hat, beginnt leicht an sich zu zweifeln, wenn eine Katze zu sprechen ansetzt. Sara ignoriert das Tier zunächst, versucht mit Radiolärm, die Stimme zu übertönen, gibt aber schließlich nach und lässt es in die Wohnung.

Sibila, wie sich die Katze vorstellt, besitzt „eine sanfte Stimme, die man leicht mit einem Schnurren hätte verwechseln können. ...Eine dunkle und gleichzeitig weiche Stimme, die reif, aber nicht alt klang, wie ein Stradivari-Cello, jedoch mit einem Hauch von ... Wildheit“. Zunächst redet sie, wie Katzen eben reden: „Lass mich rein“ oder „Ich komme um vor Hunger“ sind ihre ersten an Sara gerichteten Worte. Und dann erinnert sie Sara daran, dass Menschen schon seit Tausenden von Jahren mit ihren Haustieren sprechen.

Nur, dass Katzen normalerweise nicht antworten. Und auch Sara ist sich überhaupt nicht sicher, ob nicht ein neurochemisches Problem Ursache für diese absonderliche Kommunikation darstelle: „Ich höre Stimmen. Geht es nicht vielen Menschen so? Es konnte nur ein vorübergehendes mentales Ungleichgewicht sein.“

Ein Hauch von magischem Realismus umweht das Werk „Gespräche mit meiner Katze“ von Eduardo Jáuregui. Immer wieder weckt der Autor Zweifel daran, ob die Katze wirklich zu sprechen vermag oder ob sie lediglich Spiegel einer inneren Stimme Saras ist und durch ihre Bewegungen Reflexionen auslöst. Auch Sara selbst zweifelt immer wieder daran, dass Sibila sprechen kann. Und doch beginnt in der Begegnung mit der Katze eine völlige Neuorientierung ihres Lebens.

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Auf den ersten 180 Seiten schildert Eduardo Jáuregui breit die zerrütteten Lebensverhältnisse der Protagonistin. Obwohl von einem Mann geschrieben, erinnerte mich dieser Teil stark an jene Frauenliteratur der achtziger Jahre, die in Reihen wie Rowohlts „Neue Frau“ oder Fischers „Frau in der Gesellschaft“ veröffentlicht wurden. Viel unverschuldetes Leid, lange Selbstreflexionen, zerbrochene Beziehungen vor allem zu Männern: Saras Freund Joaquín ist längst mit einer jüngeren Kollegin verbandelt. Ihr Bruder Àlvaro hat für sie nur Spott übrig, so dass sie den Kontakt zu ihm längst abgebrochen hat. Ihr Chef ist eigentlich ein lustiger Kerl, der sich aber ökonomischen Zwängen beugen musste und sie nun in Arbeitsfeldern einsetzt, die sie zutiefst verabscheut.

Im zweiten Teil, 150 Seiten lang, beginnt das Wiederaufbauprogramm nach dem Zusammenbruch. Es ist die Mitte des Buches und hier wird die Absicht Eduardo Jáureguis deutlich, der selbst von Beruf Psychologe ist, spezialisiert auf Positive Psychologie und Humorforschung. Dass ausgerechnet eine Katze Sara bei ihrer Rekreation begleitet, wirkt wie eine Verbeugung vor Autoren wie Gabriel García Márquez oder Isabel Allende. Denn letztlich übernimmt die Abessinierkatze Sibila lediglich die Rolle der Therapeutin, die Sara Stück für Stück in das Achtsamkeitstraining, in Yoga und bewusste Ernährung einführt, immer gegen den ursprünglichen Widerstand der Protagonistin, immer verbunden mit einer positiven Veränderung ihres Lebens.

Der dritte Teil, noch etwa 100 Seiten lang, beschreibt dann, wie diese Veränderungen dazu führen, dass die im ersten Teil beschriebenen Probleme sich auflösen und ein neues, kreatives Leben aufblüht. Sibila spielt in diesem dritten Teil kaum noch eine Rolle, taucht über etliche Seiten gar nicht mehr auf und spricht auch kaum noch.

Antoine de Saint-Exupéry hat einmal gesagt: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“ Genau nach diesem Modell funktioniert auch der Roman „Gespräche mit meiner Katze“. Der Psychologe Eduardo Jáureguis zeichnet plastisch, gleichzeitig oft amüsant und vor allem ab dem zweiten Teil leicht lesbar, wie sich Saras Leben positiv verändert. Anders als viele Sachbücher zum gleichen Thema kann der Leser die Entwicklung prototypisch nacherleben und sieht im dritten Teil, wie sich die Alltagsprobleme, denen sich die Protagonistin gegenübersieht, durch eine veränderte Lebensführung auflösen lassen. Er stellt dies so bildlich vor Augen, dass der Leser Lust bekommt, selbst die ein oder andere Übung auszuprobieren, die die Katze Sibila Sara beibringt. Auf unaufdringliche Weise lehrt er uns die Sehnsucht nach einem kreativeren, positiveren Leben. Ein weises Buch, dem viele Leser zu wünschen sind.

Titel/Bezeichnung Gespräche mit meiner Katze : Roman / Eduardo Jáuregui. Aus dem Span. übers. von Anja Rüdiger
Einheitssachtitel Conversaciones con mi gata ‹dt›
Person(en) Jáuregui Narváez, Eduardo
Rüdiger, Anja [Übers.]
Verleger München ; Wien : Thiele
Erscheinungstermin 31. August 2015
Umfang/Format 431 S. ; 19 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-85179-313-0 Pp. : EUR 20.00 (DE), EUR 20.60 (AT), sfr 28.90 (freier Pr.)
3-85179-313-7
EAN 9783851793130
Sprache(n) Deutsch (ger), Originalsprache(n): Spanisch (spa)
Sachgruppe(n) Spanische und portugiesische Literatur ; Belletristik
Kataloglink amazon.de/gp/product/3851793137/

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